Die versteckte Steuer
Warum die Wehrpflicht eine Abgabe auf meine Lebenszeit ist — und warum man sie verstecken muss
DEEN
Ich gehöre zu dem Jahrgang, über den in dieser Debatte verhandelt wird, ohne dass mit ihm verhandelt würde. Das schärft den Blick für bestimmte Details und trübt ihn womöglich für andere. Diesen Text schreibe ich als Betroffener, nicht als Unbeteiligter. Die Zahlen darin gelten unabhängig davon.
Im April 2026 bezeichnete Verteidigungsminister Pistorius eine Reisebeschränkung im neuen Wehrdienstgesetz als „Versehen im Gesetz”. Eine Bestimmung, die im Gesetzestext steht, die Ministerium, Kabinett und Bundestag durchlaufen hat und die auf einen explizit formulierten Paragrafen des alten Wehrpflichtgesetzes zurückgreift, ist kein Tippfehler. Und wäre sie wirklich ungewollt, hätte man sie gestrichen. Stattdessen wurde sie per Erlass nur schlafen gelegt. Sie steht weiterhin im Gesetz.
Das ist der Punkt, an dem ich anfange, genauer hinzusehen. Denn die Frage, die diese Regelung aufwirft, ist nicht juristisch, sondern ökonomisch: Welche Logik bringt einen Staat dazu, die Mobilität junger Männer einzuschränken, bevor die Wehrpflicht überhaupt aktiv ist? Die Antwort wurde 1967 gegeben, und sie ist der Kern dessen, was ich hier festhalten will: Die Wehrpflicht ist keine sicherheitspolitische Notwendigkeit. Sie ist eine versteckte Steuer. Und der Umgang mit ihr folgt, ob bewusst geplant oder nicht, exakt der Logik, die eine versteckte Steuer verlangt.
Friedmans Einsicht
Milton Friedman war kein Pazifist, aber in einem Punkt war er unmissverständlich: Die Wehrpflicht ist eine versteckte Steuer. Auf den ersten Blick wirkt sie billig: Der Wehrpflichtige bekommt einen Bruchteil dessen, was ein Berufssoldat verdient, und der Staatshaushalt sieht schlank aus. Doch diese Nullkosten sind eine Illusion. Die realen Kosten sind nicht verschwunden; sie wurden bloß verschoben, vom Staat auf den Wehrpflichtigen. Was er hätte verdienen, lernen, aufbauen können, ist tatsächlich verloren, nur eben nicht in der Bilanz des Verteidigungsministeriums.
Friedman hat das in einer berühmten Anhörung auf den Punkt gebracht. Als ein General sich gegen eine „Armee aus Söldnern” verwahrte, hielt er ihm entgegen: Würden Sie dann lieber eine Armee aus Sklaven befehligen? Wer nicht den Marktpreis für seine Arbeit erhält, sondern zum Dienst gezwungen wird, leistet keine bezahlte Arbeit; er trägt eine Abgabe auf die eigene Lebenszeit.
Daraus folgt zweierlei. Erstens: Eine Berufsarmee ist trotz höherer Gehälter ökonomisch günstiger, weil sie die wahren Kosten sichtbar macht. Zweitens, und das ist hier entscheidend: Versteckte Steuern werden umgangen. Menschen reagieren auf Anreize. Wer sich als versteckter Steuerzahler erkennt, sucht nach Wegen, die Last abzuwälzen: Studium, Auswanderung, Verweigerung, jeden legalen Hebel. Und genau hier wird die Reisebeschränkung verständlich: Sie ist nicht das Instrument einer aktiven Wehrpflicht, sie ist ihre Vorbereitung. Wer eine versteckte Steuer erheben will, sollte bestenfalls die Steuerflucht verhindern.
Das ist keine libertäre Idee. Walter Oi bezifferte die Opportunitätskosten zeitgleich (1967), Joshua Angrist wies sie später kausal über die Vietnam-Lotterie nach. Er erhielt 2021 den Wirtschaftsnobelpreis. Im Handbook of Defense Economics gilt die These als Lehrbuchwissen. Friedman ist in dieser Hinsicht also alles andere als ein Außenseiter.
Was es kostet
Das ist längst kein Gedankenexperiment mehr. 2024 hat das ifo-Institut es für Deutschland durchgerechnet (Forschungsbericht 144, im Auftrag des Bundesfinanzministeriums). Drei Szenarien:
- 5 % eines Jahrgangs (wie in Schweden): rund 3 Milliarden Euro Verlust pro Jahr
- 25 % eines Jahrgangs (Umfang der alten Wehrpflicht): rund 17 Milliarden Euro, etwa 0,4 % des BIP
- 100 %, ein Pflichtjahr für alle: rund 70 Milliarden Euro jährlich
Die 70 Milliarden, die durch den Diskurs geistern, sind also der Extremfall. Realistisch für ein Pistorius-Modell ist der mittlere: 17 Milliarden, Jahr für Jahr. Aufschlussreicher ist eine andere Zahl der Studie: Das ifo hat auch berechnet, was die Marktlösung kostet: schlicht höhere Gehälter, bis sich genug Menschen freiwillig melden. Bei gleicher militärischer Zielgröße fällt der Schaden beim Bruttonationaleinkommen von 17,1 auf 9,4 Milliarden (gut 45 % geringer), während die sichtbaren Staatsausgaben umgekehrt steigen.
Das ist Friedmans Argument, empirisch bestätigt. Die Marktlösung belastet den Haushalt stärker, vernichtet aber weniger Wert, weil die Kosten dort anfallen, wo sie niedriger sind. Die Wehrpflicht ist nicht billiger. Sie ist nur anders verteilt: auf die Schultern derer, die am Anfang ihres Arbeitslebens stehen und am wenigsten Spielraum haben.
Wer zahlt
Und hier wird es ungerecht. Die individuelle Last entspricht der Differenz zwischen zivilem Erwartungslohn und Wehrsold, mal Dienstdauer. Wer in der Privatwirtschaft mehr verdient hätte, verliert absolut mehr. Gemessen am Verlust pro eingezogener Person ist die Steuer also progressiv im Bildungsgrad. Konkret: Ein Wehrpflichtiger erhält ein faktisches Nettoäquivalent von etwa 1.000 Euro, rund 42 % seines zivilen Marktlohns. Die übrigen 58 % sind eine verdeckte Zwangsabgabe, die nur eine Generation trägt. Über ein Erwerbsleben gerechnet: im Schnitt rund 5 % geringeres Lebenseinkommen, rund 12 % weniger Vermögen.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Last fällt nicht zufällig. Wer ausweichen kann, weicht aus: über das Studium, über die Auswanderung, über die Verweigerung. Übrig bleibt im Schnitt der, dessen Marktlohn niedriger ist und der die wenigsten Ausweichoptionen hat. Seine versteckte Steuer ist absolut kleiner, als Anteil am Lebenseinkommen aber größer. Beides steht nebeneinander, weil es zwei verschiedene Ebenen sind: Pro tatsächlich eingezogener Person verliert der Gutverdiener absolut am meisten, also progressiv. Misst man dagegen die Wahrscheinlichkeit, überhaupt dienen zu müssen, und den Anteil am Lebenseinkommen, verschiebt sich die Last nach unten, also regressiv. Die versteckte Steuer ist also nicht nur leise. In ihrer Verteilungswirkung trifft sie am härtesten die, die am wenigsten haben.
Man könnte das alles messen. Der Mikrozensus enthält Bildungs- und Lohndaten nach Jahrgang; die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 ist ein natürliches Experiment, mit dem sich die letzten Pflichtjahrgänge sauber gegen die ersten freien vergleichen lassen. Die Daten existieren, die Methoden existieren. Was fehlt, ist nicht das Werkzeug. Es ist der Wille, hinzusehen.
Die langen Schatten
Denn der Schaden bleibt. Ein Jahr verzögerter Bildung und Erwerbstätigkeit wirkt nicht linear, sondern multiplikativ: Renditen verzinsen sich über Jahrzehnte. Ein Dienstjahr mit 19 ist ein Jahr fehlender Zinseszinsen, projiziert über vierzig Erwerbsjahre. Angrists Schätzungen für die Vietnam-Ära fanden noch fünfzehn Jahre nach dem Dienst Einkommen, die um 15 % niedriger lagen. Hinzu kommen verzerrte Bildungsentscheidungen: Manche studieren nur, um dem Dienst zu entgehen; andere brechen eine Ausbildung ab, weil die Kontinuität reißt.
Und die Demografie verschärft alles. Der Jahrgang der 18-Jährigen ist von rund 920.000 (1990) auf etwa 810.000 (2025) geschrumpft. Gegenüber den geburtenstarken Jahrgängen der 1960er, aus denen sich die alte Wehrpflicht speiste (gut 1,4 Millionen pro Jahrgang), hat er sich sogar beinahe halbiert. Derselbe Personalbedarf bedeutet heute einen deutlich größeren relativen Eingriff. In einer alternden Gesellschaft mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung ist jeder einzelne Wehrpflichtige teurer als je zuvor.
Die Zahl, die niemand mehr sehen soll
Wenn es stimmt, dass versteckte Steuern umgangen werden, dann gibt es dafür eine Messgröße: die Zahl der Kriegsdienstverweigerer. Sie ist der Tachometer der Steuerflucht. Und genau diesen Tachometer hat die Bundesregierung 2026 abgeklebt.
Seit dem Wehrdienst-Modernisierungsgesetz, in Kraft zum 1. Januar 2026, stuft das Verteidigungsministerium die Zahl der Kriegsdienstverweigerer als Verschlusssache — Nur für den Dienstgebrauch ein. Die Begründung auf eine parlamentarische Anfrage: das „Staatswohl”. Eine Veröffentlichung könnte Unbefugten erlauben, „Rückschlüsse auf die Aufwuchsfähigkeit der Bundeswehr und die Personalplanung” zu ziehen.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Wenige Monate zuvor hat dieselbe Regierung diese Zahlen noch routinemäßig und im Detail auf parlamentarische Anfragen herausgegeben. Im gesamten Kalten Krieg, als die Antragszahlen zeitweise sechsstellig wurden, standen sie in jeder Statistik. Ausgerechnet jetzt, da die Wehrpflicht zurückkehrt, wird die Zahl zum Geheimnis erklärt.
Warum? Weil die Entwicklung unbequem ist. 2024 wurden 2.998 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung gestellt, 2025 mehr als doppelt so viele, und allein im ersten Quartal 2026 lagen 3.494 vor, davon 3.193 von Ungedienten, mehr als im gesamten Jahr 2024. Dieser Anstieg lässt sich nicht allein als ökonomische Ausweichbewegung lesen: Angesichts eines realen Krieges in Europa verweigern Menschen auch aus Gewissensgründen, nicht nur aus Kalkül. Doch das erklärt die Zahlen, nicht ihre Geheimhaltung. Und die Begründung der Geheimhaltung trägt nicht weit. Ein Gegner mit nachrichtendienstlichen Mitteln hat ohnehin ein belastbares Bild der deutschen Wehrfähigkeit und ist auf die öffentlichen Zahlen der Bundesregierung nicht angewiesen. Was die Einstufung faktisch bewirkt, ist nicht der Schutz vor dem Feind, sondern die Erschwerung öffentlicher Kontrolle über eine wachsende Ausweichdynamik. Erst die Reisebeschränkung, die die Mobilen festhält. Dann die Geheimhaltung, die das Ausmaß der Verweigerung der Öffentlichkeit entzieht. Das muss keine bewusste Strategie sein. Es genügt, dass beide Regelungen institutionell genau jene Funktion erfüllen, die Friedman für versteckte Steuern beschrieb: Ausweichen erschweren, Sichtbarkeit senken.
Das Gerechtigkeitsproblem
Diese Regressivität hat einen Auslöser: die Selektivität. Sobald nur ein Teil eines Jahrgangs eingezogen wird (alles andere ist angesichts Demografie und Kapazität unrealistisch), entsteht eine Lotterie, deren Verlierer nicht zufällig bestimmt werden, sondern, wie gezeigt, die mit den wenigsten Ausweichoptionen. Genau hier schließt sich der Kreis zur Reisebeschränkung und zur Geheimhaltung: Beides ist der Versuch, die Mobilen und Gebildeten am Ausweichen zu hindern und das Ausmaß ihres Ausweichens unsichtbar zu machen.
Man hält dagegen, auch die Berufsarmee rekrutiere überproportional aus sozial schwächeren Schichten — die „Armee der Armen”. Das stimmt, aber es ist nicht dieselbe Ungerechtigkeit. Wer sich für Sold meldet, erhält den Marktpreis und kann Nein sagen; wer gezogen wird, trägt eine Zwangsabgabe ohne Ausweg. Ungleiche Selbstwahl ist nicht dasselbe wie ungleicher Zwang. Und nur Letzteren erhebt der Staat hier verdeckt.
Gegenargumente, die nicht tragen
Die Debatte kennt eine Handvoll Einwände. Die meisten erklären, woher der Personalbedarf kommt, ohne die Wehrpflicht als das Instrument zu rechtfertigen, ihn zu decken; einer trägt weiter, aber auch er nicht bis ans Ziel.
Ukraine und der Ernstfall. Die Mobilmachung im Krieg setze die Wehrpflicht im Frieden voraus. Doch die Ukraine verkompliziert dieses Argument eher: Sie führte die Wehrpflicht 2014 ein und mobilisierte 2022 unter Kriegsrecht. Die Ukraine hat dabei sehr wohl ein anhaltendes, akutes Personalproblem. Aber sie zeigt eben auch, dass Mobilmachung allein wenig wert ist ohne Ausrüstung, Ausbildung, Rotation, Logistik und Führungsfähigkeit. Das Beispiel begründet einen Bedarf; es begründet nicht die allgemeine Wehrpflicht im Frieden als dessen zwingende Lösung. Und der eigentliche Ernstfall ist im Grundgesetz längst geregelt: Die Mobilmachung im Verteidigungsfall steht ohnehin offen (Art. 80a, 87a, 115a). Wird die Lage wirklich existenziell, zieht der Staat ein. Dafür braucht es nicht den Dauerbetrieb im Frieden.
Kapazität. Die Bundeswehr verfehlt ihre frühere Zielmarke von 203.000 seit über einem Jahrzehnt (Stand Mai 2026 rund 185.600), bei einer Kaserneninfrastruktur in dokumentiertem Verfall. Und die politische Zielgröße liegt inzwischen deutlich höher, bei rund 260.000 aktiven Soldaten bis 2035. Sie kann ihr aktuelles Ziel nicht füllen, geschweige denn Zehntausende Rekruten aufnehmen. Ein massenhafter Aufwuchs hätte sogar einen paradoxen Effekt: Die Einsatzfähigkeit sänke kurzfristig, weil erfahrenes Personal die Grundausbildung stemmen müsste, bei fraglicher Ausbildungsqualität.
Strategie. Moderne Verteidigung braucht Spezialisten, deren Ausbildung Jahre dauert. Schweden und Norwegen zeigen, dass selektive, anreizbasierte Modelle Reservekapazität schaffen, ohne die Wohlfahrtsverluste der allgemeinen Wehrpflicht. In einer von Drohnen, Sensorik und Cyberfähigkeiten geprägten Armee ist der kurzfristig verpflichtete Laie kein selbstverständlicher Gewinn. Im Zeitalter der 100-Euro-FPV-Drohne ist bloße Personalmasse kein Ersatz für Ausbildung, Integration und technische Kompetenz.
Bezahlbarkeit. Die Marktlösung sei unbezahlbar: Man könne die Gehälter nicht weit genug anheben, um 260.000 Aktive plus Reserve zu füllen. Das verkehrt die Sache ins Gegenteil. Ein Staat mit eigener Geldhoheit hat kein prinzipielles Finanzierungsproblem; ist Landesverteidigung wirklich existenziell, ist der Preis kein Gegenargument, sondern die Bedingung. Und der Witz: Laut ifo ist die Marktlösung bei gleicher Leistungsfähigkeit gesamtwirtschaftlich sogar billiger. Sie belastet nur den Haushalt sichtbar statt die Wehrpflichtigen unsichtbar. „Zu teuer” heißt hier bloß: zu teuer, um die Kosten zuzugeben.
Bürgerarmee. Die Wehrpflicht binde das Militär an die Gesellschaft und verhindere eine abgekoppelte Kaste. In einem Parlamentsheer unter striktem zivilem Kommando ist diese Furcht anachronistisch. Sie stammt aus der Welt vor der konsolidierten Demokratie. Und soweit das Argument auf Lastenausgleich zielt, wirkt es nur bei Universalität, also gerade nicht bei einer selektiven Bedarfswehrpflicht.
Der ehrliche Einwand. Einer trägt weiter als die anderen, weil er aus der Ökonomie selbst kommt: Der entgangene Lohn sei kein reiner Verlust, denn der Dienst bilde Humankapital: Führung, Technik, Disziplin. Das stimmt im Prinzip, und das ifo sagt es selbst. Nur ist die Frage damit nicht erledigt, sondern verschoben: Dass erzwungene Arbeit unter Marktlohn eine implizite Steuer ist, bleibt eine Identität; strittig ist allein die Höhe des Nettoverlusts. Und die ist empirisch entscheidbar: Baute der Dienst netto Humankapital auf, müssten Gediente später mehr verdienen. Sie verdienen weniger, wie gesehen noch Jahre nach dem Dienst rund 15 %. Der Lerngewinn dämpft den Verlust, er kehrt ihn nicht um. Dazu ein verräterisches Signal: Hätte der Dienst einen privaten Ertrag über dem zivilen Pfad, bräuchte es keinen Zwang. Fähigkeiten, die der Markt belohnt, ziehen Freiwillige an. Dass man zur Masse zwingen muss, ist selbst der Beweis, dass ihr Ertrag unter der Alternative liegt. Bleibt die ehrliche Einschränkung: Für manche ist das Jahr prägend und unterm Strich positiv. Nur hätte sich genau der gemeldet, und der Gewinn der einen rechtfertigt nicht die verdeckte, regressive Abgabe der anderen.
Warum dann überhaupt?
Ökonomisch ist die Wehrpflicht teurer als die Marktlösung. Sozial ist sie ungerechter als jede gleichmäßige Lastenverteilung. Operativ kann die Bundeswehr sie nicht umsetzen. Militärisch ist sie ein Anachronismus. Logisch ist sie selbst im Ernstfall überflüssig. Wenn kein einziges dieser Felder ein Argument liefert, warum hält sich die Debatte?
Die ehrliche Antwort liegt jenseits der Sachlogik. Ich nenne es Mentalitätspolitik: Entscheidungen, die von ihrem symbolischen, nicht ihrem instrumentellen Wert getragen werden. Die Wehrpflicht ist ein Symbol: für den Ernst der Lage, für Bürgerpflicht, für eine bestimmte Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft sich unter Bedrohung zu ordnen habe. Sie ist eine politische Geste, verkauft als ökonomische Maßnahme. Und das wäre legitim, wenn man es offen sagte.
Stattdessen bekommt man „Versehen im Gesetz”. Eine Reisebeschränkung, die deaktiviert, aber nicht gestrichen wird. Eine Wehrpflicht, eingeführt als „freiwilliger Wehrdienst” mit Bedarfsklausel als Hintertür. Eine Milliardenstudie, die in Pressemitteilungen umschifft wird. Und eine Verweigerungszahl, die man zur Verschlusssache erklärt. Es war kein Versehen. Es war die institutionelle Logik, die Friedman 1967 beschrieb, heute beobachtbar in der deutschen Gesetzgebungspraxis.
Was auf dem Spiel steht
Ich gehöre zu dem Jahrgang, der das bezahlt. Geht Deutschland unter dem geltenden Gesetz zu einer bedarfsorientierten Wehrpflicht über, fällt eine ganze Generation unter ein System, dessen Kosten konstruktionsbedingt unsichtbar sind, dessen Lasten unverhältnismäßig die mit den wenigsten Ressourcen treffen, und dessen Rechtfertigung auf einem Bedrohungs-Frame ruht, den die ökonomische Evidenz nicht stützt.
Wer nationale Resilienz ernst nimmt, muss den Soldatenberuf konkurrenzfähig machen, nicht verpflichtend. Alles andere ist nicht Sicherheitspolitik. Es ist eine versteckte Steuer auf die Zukunft einer Generation, erhoben von einer Mehrheit, die sie selbst nie zahlen wird. Und die Tatsache, dass man inzwischen sogar verbirgt, wie viele sich dagegen wehren, sagt mehr über die Ehrlichkeit dieser Politik als jede Pressemitteilung.
Quellen
- Friedman, M. (1967): Why Not a Volunteer Army? In: Tax, S. (Hrsg.): The Draft: A Handbook of Facts and Alternatives, University of Chicago Press, S. 200–207.
- Oi, W. Y. (1967): The Economic Cost of the Draft. American Economic Review 57(2), S. 39–62.
- Angrist, J. D. (1990): Lifetime Earnings and the Vietnam Era Draft Lottery: Evidence from Social Security Administrative Records. American Economic Review 80(3), S. 313–336.
- Adema / Poutvaara / Schlepper / Taghiyev / Wochner (2024): Volkswirtschaftliche Kosten einer Wiedereinführung der Wehrpflicht oder eines sozialen Pflichtjahres, ifo Forschungsbericht 144 (im Auftrag des BMF).
- Poutvaara, P. / Wagener, A. (2007): To draft or not to draft? Inefficiency, generational incidence, and political economy of military conscription. European Journal of Political Economy 23(4), S. 975–987.
- Strand, S. (2024): The Reactivation and Reimagination of Military Conscription in Sweden. Armed Forces & Society 50(4), S. 1175–1195.
- Warner, J. T. / Asch, B. J. (1995): The Economics of Military Manpower. In: Hartley, K. / Sandler, T. (Hrsg.): Handbook of Defense Economics, Bd. 1, Kap. 13, S. 347–398.
- Heinemann, P. (2026): Pistorius zur Genehmigungspflicht im Wehrdienstgesetz. Legal Tribune Online, 08.04.2026.
- Högl, E. (2025): Jahresbericht 2024 der Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages.
- Jahrgangsstärken (18-Jährige, 1990/2025): Statistisches Bundesamt (Destatis), GENESIS-Tabelle 12411-0006, Fortschreibung des Bevölkerungsstandes (Stichtage 31.12.1990 und 31.12.2025).
- Personalstärke der Bundeswehr (185.608 in Uniform, Stand 31.05.2026): Bundeswehr, „Aktuelle Personalzahlen der Bundeswehr”, bundeswehr.de.
- KDV-Antragszahlen 2024/2025: Deutscher Bundestag, Drucksache 21/898 (14.07.2025), Antwort der Bundesregierung „Kriegsdienstverweigerung in Deutschland in den Jahren 2024 und 2025”; Zahlen für 2025/Q1 2026 nach nd-aktuell (2026, BAFzA-Angaben).
- Zur Geheimhaltung der KDV-Zahlen seit 2026: DFG-VK, „Bundesregierung erklärt Zahlen zur Kriegsdienstverweigerung zur Staatsgeheimsache”; nd-aktuell, 27.04.2026; Euronews, 27.04.2026 (Antragszahlen BAFzA).